Wahnsinn in der Wüste: Wo bringen 30 Milliarden mehr?
01.09.2026, 13:49

Ein neues Kraftwerksprojekt in Marokko sorgt für Aufmerksamkeit. Unter dem Namen „Sila Atlantik" soll ein Wind- und Solarpark mit 15 Gigawatt Leistung entstehen. Der Strom soll über ein 4.800 Kilometer langes Seekabel nach Deutschland fließen und bis zu fünf Prozent des derzeitigen deutschen Stromverbrauchs decken. „Politisch mag ein solches Projekt gut klingen“, sagt Patrick Lemcke-Braselmann, CEO der aream Group. „Doch technisch wie wirtschaftlich ist es sinnlos.“

 

„Wer diese 30 bis 40 Milliarden Euro investieren will, muss sie mit der Alternative vergleichen, die direkt vor unserer Haustür liegt“, sagt Lemcke-Braselmann: Für 30 Milliarden Euro ließe sich in Deutschland ein hybrides Portfolio aus Photovoltaik, Windkraft und Batteriespeichern errichten. Eine Rechnung: Zwölf Gigawatt Photovoltaik kosten etwa 5,8 Milliarden Euro, acht Gigawatt Windkraft noch einmal rund zwölf Milliarden Euro. Für Speicher bleiben weitere rund zwölf Milliarden Euro übrig. Das ergibt je nach Speichertyp zwischen 35 und 90 Gigawattstunden Kapazität.

 

„Die Jahresproduktion dieses Portfolios liegt zwischen 29 bis 30 Terawattstunden“, so Lemcke-Braselmann. Das Marokko-Projekt könne hingegen bestenfalls 26 Terawattstunden liefern. Das deutsche Portfolio liegt damit vorn und das sogar noch ohne die Übertragungsverluste eines 4.800 Kilometer langen Seekabels. Diese Verluste erreichen über eine solche Distanz leicht einen zweistelligen Prozentbetrag. „Wir würden hier eine sehr lange Leitung verlegen, um am Ende weniger Strom zu bekommen als bei einem Ausbau im eigenen Land“, sagt Lemcke-Braselmann. „Das ist wirtschaftlich nicht sinnvoll.“ 

 

Auch die technischen Details werfen Fragen auf. Das Kabel soll zweimal 1,8 Gigawatt übertragen können. Von 15 Gigawatt installierter Leistung in Marokko kommt damit immer nur ein Teil gleichzeitig in Europa an. Die restliche Kapazität bleibt ungenutzt oder muss vor Ort verarbeitet werden. Das Projekt erinnert an Desertec, jene Vision aus den 2000er-Jahren, die an Kosten und geopolitischen Realitäten scheiterte. 

 

Dazu kommt: Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren mit erheblichem Aufwand aus der Abhängigkeit von russischen Energieimporten gelöst. Ein neues Abhängigkeitsverhältnis zu außereuropäischen Lieferketten und einer verwundbaren Unterwasser-Infrastruktur widerspricht diesem Willen. „Erst lösen wir uns mit großem Aufwand aus der einer Abhängigkeit, um dann eine neue zu planen“, sagt Lemcke-Braselmann.

 

Auch der Zeitplan gibt Anlass zur Skepsis. Schon heute verzögern Streitigkeiten über den institutionellen Rahmen und staatliche Garantien das Vorhaben. Marokko fordert zudem ein zwischenstaatliches Abkommen mit Stromflüssen in beide Richtungen. Die deutsche Erfahrung mit großen Leitungsprojekten liefert einen weiteren Hinweis. SuedLink, eine Trasse von rund 700 Kilometern Länge, befindet sich seit über einem Jahrzehnt in Planung und ist noch immer nicht in Betrieb. Ein Seekabel mit sechsfacher Länge durch die Hoheitsgewässer von fünf Ländern dürfte kaum schneller entstehen.

 

Erneuerbare Energien gelten längst als günstigste Form der Stromerzeugung, auch in Deutschland. Wind, Photovoltaik und Speicher im eigenen Land schaffen Wertschöpfung und Arbeitsplätze vor Ort. Die Transportwege bleiben kurz. Neue geopolitische Risiken entstehen nicht. Die 30 Milliarden Euro für Sila Atlantik ließen sich im eigenen Land wirkungsvoller einsetzen. „Für die Energiewende und die zunehmende Nutzung Erneuerbarer Energien in Deutschland braucht es kein Megakabel in die Sahara“, so Lemcke-Braselmann. „Es braucht nur mehr Tempo beim Ausbau zu Hause.“

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