Weg von den energiepolitischen Klumpenrisiken
05.08.2026, 11:09

Viele Kernkraftwerke in Europa stehen still, weil Kühlwasser fehlt. Ungarn verliert durch den Ausfall des Kernkraftwerks in Paks zeitweise die Hälfte seiner Stromproduktion. Das ist kein Betriebsunfall. Es ist die Quittung für ein Energiesystem, das auf wenige große Kraftwerke setzt und auf diese Weise ein Klumpenrisiko schafft. Der trockene Sommer führt dieses Risiko schonungslos vor Augen. Und dabei werden solche heißen Monate eher häufiger als seltener auftreten. – Ein Kommentar von Markus W. Voigt, Executive Chairman der aream Group.

 

Große Kraftwerke wirken zunächst effizient. Wenige Anlagen, klare Logistikketten, gut planbare Leistung. Doch wird diese Konzentration zur Schwäche, wenn auch nur ein einzelner Faktor ausfällt. Ein Fluss mit zu wenig Wasser genügt, um Millionen Menschen und Unternehmen zu treffen. Produktionsketten geraten ins Stocken. In einer Hitzewelle können Stromengpässe zudem ganz konkrete Folgen haben: von ausfallenden Klimaanlagen mit Risiken für Kranke und ältere Menschen bis zu Schwierigkeiten bei Kühlketten für Lebensmittel und Medikamente. Dazu kommt, dass ein einzelner Standort auch sicherheitspolitisch einen starken Angriffspunkt bietet.

 

Die Alternative heißt Dezentralisierung, weg von den Klumpen. Erneuerbare Energien verteilen die Erzeugung auf Tausende Standorte. Fällt eine Anlage aus, laufen die anderen weiter. Diese Streuung macht das System robuster. Ihr volles Potenzial entfalten die Erneuerbaren allerdings erst, wenn Europa auch beim Strom noch stärker europäisch denkt. 

 

Ein tatsächlich hocheffizienter europäischer Strommarkt würde genau den Ausgleich schaffen, der heute fehlt. Scheint in Spanien die Sonne und weht in Norddeutschland der Wind, während Flüsse in Mitteleuropa zu warm für die Kühlung von Kraftwerken sind, muss der Strom dorthin fließen können, wo er gebraucht wird. Dafür braucht Europa mehr Grenzkuppelstellen und leistungsfähigere Leitungen. Das ist keine ideologische Idee, sondern eine Versicherung gegen Versorgungsengpässe. Sie stabilisiert Preise und macht Rationierungen wie in Ungarn deutlich unwahrscheinlicher.

 

Genauso wichtig sind Speicher. Batterien und Pumpspeicher verschieben Strom dorthin, wo er zeitlich gebraucht wird. Jede lokal und netzdienlich gespeicherte Kilowattstunde entlastet die Netze und erhöht die Versorgungssicherheit. Speicher ersetzen den Netzausbau nicht, sie machen ihn effizienter. Beides gehört zusammen.

 

Oft wird eingewendet, Kernkraft- genau wie fossil befeuerte Kraftwerke lieferten verlässlich, Wind und Sonne dagegen wetterabhängig. Doch gerade deshalb braucht Europa mehr Vernetzung statt weniger. Ein Kontinent mit tausenden Erzeugungsanlagen, leistungsfähigen Netzen und ausreichend Speichern kann Schwankungen ausgleichen, die einzelne Regionen niemals bewältigen könnten. Mit jedem zusätzlichen Netzknoten, jedem Speicher und jeder neuen Verbindung sinkt die Abhängigkeit von einzelnen Kraftwerken, einzelnen Flüssen und einzelnen Wetterlagen.

 

Ungarn zeigt derzeit, wohin Klumpenrisiken führen, und übersteht die Abschaltung nur dank Grenzkuppelstellen zu den europäischen Nachbarn – genau die Infrastruktur, die vielerorts in größerem Umfang fehlt. Die Lehre daraus lautet deshalb nicht, das nächste zentrale System aufzubauen. Die Lehre lautet, Erzeugung, Netze und Speicher breiter aufzustellen und Europa als gemeinsamen Stromraum zu begreifen. Wer heute in diese Infrastruktur investiert, kauft Stabilität, Sicherheit und strategische Unabhängigkeit. Das ist keine Ideologie. Es ist nüchternes Risikomanagement.

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