Krisen und Kriege können nur so lange auf die Energiepreise, auf Konjunktur und Arbeitsmarkt durchschlagen, wie fossile Energieträger noch das bestimmende Element der Preissetzung stellen. Doch das ändert sich: „Wind- und Solaranlagen mit sehr geringen variablen Betriebskosten verdrängen teure Gaskraftwerke zunehmend aus der preissetzenden Position – und machen den Strompreis damit stabiler und planbarer“, sagt Patrick Lemcke-Braselmann, CEO der aream Group. „Dieser Effekt ist bereits heute messbar.“
An der Strombörse gilt das Prinzip der Merit-Order: Kraftwerke werden nach ihren Grenzkosten eingesetzt – die günstigsten zuerst, die teuersten zuletzt. „Da Wind- und Solaranlagen nahezu keine variablen Betriebskosten haben, drängen sie teure Gaskraftwerke immer häufiger aus der preissetzenden Position“, sagt Lemcke-Braselmann. „Im Ergebnis sinkt der Gasanteil an der Stromerzeugung und damit auch der Börsenstrompreis.“ Dieser Merit-Order-Effekt wirkt schon heute an jedem sonnenreichen oder windstarken Tag.
Die Ukrainekrise genau wie derzeit der Irankrieg zeigen deutlich, wie verwundbar Deutschland durch seine Abhängigkeit von fossilen Importen ist. „Als das russische Gas ausblieb, explodierten die Strompreise – nicht wegen mangelnder Erzeugungskapazität, sondern wegen der strukturellen Kopplung des Strompreises an den Gaspreis“, so Lemcke-Braselmann. Dies wird in Zukunft weniger werden, denn je mehr Erneuerbare Energien die Preisbildung übernehmen, desto weniger kann ein Gaspreis-Schock auf die Stromrechnung durchschlagen. „Diese Entkopplung ist einer der wichtigsten Stabilitätsbeiträge der Energiewende“, sagt Lemcke-Braselmann.
Dazu kommt eine geostrategische Unabhängigkeit: „Wind weht in der Nordsee wie an Land, die Sonne scheint auf Photovoltaik-Anlagen im Freiland wie auf den Dächern“, sagt Lemcke-Braselmann. „Für diese Energie stellen weder Doha, Moskau noch Riad Rechnungen.“ Denn Erneuerbare Energien sind heimische Ressourcen und damit ein großer Gewinn für die Energiesouveränität. „Der Wegfall von Gas- und Kohleimporten reduziert nicht nur die Anfälligkeit für Preisschocks, sondern entzieht auch politischer Erpressbarkeit den Boden“, so Lemcke-Braselmann.
Ein weiterer, oft unterschätzter Vorteil: „Photovoltaik-Anlagen auf Feldern und Dächern, Windparks über das gesamte Land verteilt sowie lokale Batteriespeicher – dieses dezentrale System bietet eine Widerstandsfähigkeit, die zentrale Großkraftwerke nicht leisten können“, sagt Lemcke-Braselmann. „Es gibt kein einzelnes Ziel, das ein Übelmeinender ausschalten könnte.“ Ein dezentrales Netz ist durch Sabotage oder Infrastrukturangriffe ungleich schwerer zu treffen als wenige konzentrierte Erzeugungsstandorte.
Speicher sind dabei ein zunehmend wichtiger Baustein. Batteriespeicher, Pumpspeicherkraftwerke und künftig Wasserstoff können Erzeugungsschwankungen abpuffern und damit Preise sowie Netzfrequenz stabilisieren. „Speicher liefern Systemdienstleistungen wie Frequenzhaltung und Momentanreserve – Funktionen, die früher ausschließlich konventionelle Kraftwerke übernahmen“, sagt Lemcke-Braselmann. „Und sie sind dabei mittlerweile mehr als wettbewerbsfähig.“ Die Technologie ist vorhanden und wird schnell günstiger. So wird die Abhängigkeit von Gasimporten immer weiter reduziert.
Die Transformation des Stromsystems hin zu Erneuerbaren ist insofern alles andere als eine Wette auf unsichere Zukunftstechnologien. Sie ist eine bereits laufende Stabilisierung – wirtschaftlich, geopolitisch und strukturell. „Wer heute in Wind, Solar und Speicher investiert, baut nicht nur CO₂-freie Kapazitäten auf“, so Lemcke-Braselmann, „sondern macht den heimischen Strom aus Erneuerbaren darüber hinaus durch Preissicherheit, Unabhängigkeit und Resilienz zum Stabilitätsanker.“
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